Die Lotosblume – Sinnbild im Buddhismus

Wir begegnen der Lotosblume jeden Tag in Thailand. In unzähligen Teichen, Seen und Kanälen sieht man die edle Lotospflanze mit ihren prachtvollen Blumen. Selbst in schlammigen und schmutzigen Tümpeln bildet sie einen angenehmen Kontrast im Landschaftsbild. Jeden Tag werden Tausende Lotosblumen in den zahlreichen Wats in Thailand geopfert.

 

Die Lotosblume gilt als Inbegriff einer mythischen Pflanze.Nach altindischer Kosmologie ist der Lotosstängel die aus den Urwassern aufsteigende Weltachse, auf der die Erde ruht. Die Blume gilt in vielen Teilen Ostasiens sogar als Symbol des Absoluten, der Wiedergeburt, der Reinheit und Vollkommenheit, sie ist das Sinnbild des Buddhismus in Reinkultur.

 

Der Legende zufolge wurde Buddha auf einer Lotosblume geboren. Es gibt deshalb auch unzählige Buddha-Abbildungen, wo Buddha auf einem Lotosblatt im so genannten Lotossitz meditiert.

 

So wie sich die Lotosblume aus dem Grund schlammiger Teiche und Seen rein und unbefleckt entfaltet, so soll sich auch die Seele des Menschen aus dem Staub der materiellen Welt in die reine Wesenslosigkeit des Nirwana erheben. So lautet die Philosophie des Buddhismus.

 

Die Lotosblume ist ein Seerosengewächs. An dem im Schlamm kriechenden Wurzelstock stehen auf 1 – 2 m langen Stielen die 20 – 40 cm grossen blaugrün bereiften, flach trichterförmigen, runden Blätter. Die Blätter sind mit einer Art Wachsschicht überzogen, was den Blättern ein mattes Aussehen verleiht. Die Pflanze besitzt somit ein Schildblatt, an dessen wachsüberzogenen Aussenflächen die Wassertropfen wie kleine Quecksilberkugeln abrollen.

 

Lotos hat auch profane Werte. Sein Wurzelstock kann getrocknet und zu Mehl verarbeitet werden oder in Scheiben zerschnitten und auf verschiedene Weise zubereitet werden. Die Wurzeln sollen sogar in früheren Zeiten zu einer Medizin verarbeitet worden sein.

Die Blätter dienen als Tee, zum Frischhalten von Nahrungsmitteln oder früher sogar als Kopfbedeckung. Man isst die Stängel gekocht oder roh. Die Samen sind ebenfalls essbar. Entweder werden sie getrocknet geknabbert oder als kandierte Nüsse verzehrt.

Warum perlen die Wassertropfen wie Quecksilber ab und warum bleiben die Blätter der Lotosblume immer sauberer als bei anderen Pflanzenarten ?

 

Diese Frage beschäftigte auch Wissenschaftler in Deutschland. Man stellte immer wieder verblüfft fest, dass Lotosblätter anscheinend immun gegen Verunreinigungen sind.

An der Oberfläche der Blätter perlt das Wasser ab, und die Tropfen nehmen jeden Schmutz mit. Alles fliesst, sagten schon die altindischen Weisen.

In einer Versuchsreihe haben Wissenschaftler die Blätter mit Staub, Russ, Bakterien, Algen und sogar mit Klebstoff, Pilzsporen und Farbe beschmutzt. Man bespritzte die Blätter mit Wasser, und siehe da, jegliche Verunreinigung perlte mit dem Wasser ab. Die Blätter bleiben, gegenüber den Blättern anderer tropischer Pflanzen, immer sauber.

Eine Pflanze mit Selbstreinigungseffekt. Wieder einmal gibt uns die Natur ein verblüffendes und praktisches Beispiel – wie schon so oft.

 

Dem Geheimnis auf die Spur kam der deutsche Botaniker Wilhelm Barthlott vom Botanisches Institut der Rheinischen Friedrich-Wilhelm-Universität in Bonn per Zufall. Er untersuchte verschiedene Pflanzen unter dem Rasterelektronenmikroskop, um aus den Oberflächenstrukturen mögliche Verwandtschaftsverhältnisse zu ermitteln.

 

Wenn er einige Pflanzen aus dem Gewächshaus holte, wunderte er sich immer wieder, warum ausgerechnet die Lotosblätter aussahen wie frisch gewaschen, während andere Pflanzen unter gleichen Bedingungen mit Lehm- und Kalkflecken beschmutzt waren.

Diese Entdeckung machte ihn neugierig. Nach einem genaueren Vergleich unter dem Mikroskop konnte Barthlott das Rätsel lösen. Die Lotosblätter haben auf ihrer Oberfläche winzige, 20 Mikrometer kleine noppenartige Wachskristalloide.

 

Weil die genoppte Oberfläche mit Tausenden von Zwischenräumen wenig Haftung bietet, perlen Tropfen und Schmutzteilchen sofort ab. Diese Erkenntnis verblüffte den Botaniker und die Wissenschaft.

 

Gegen jede bisherige Lehrmeinung fand man nun heraus, dass nicht möglichst glatte, sondern mikroskopisch rauhe Oberflächen unverschmutzbar sind. Die sensationelle Entdeckung wird Lotos-Effekt genannt, und eröffnet geradezu ungeahnte Möglichkeiten:

Ob verschmutztes Geschirr, verunreinigte Toiletten oder Waschbecken, ob Dreck auf Autos und Fenstern, Graffiti an Hauswänden, Russ auf Steinen – wenn die Oberfläche extrem fein genoppt wäre, könnte ein kurzer Wasserstrahl alles wegspülen, ohne dass man zu einem umweltschädlichen Reinigungsmittel greifen müsste.

 

Das Team um Wilhelm Barthlott, das dieses Millionen Jahre alte Patent der Natur mit neuen Werkstoffen nachahmte, musste seine Entdeckung der Industrie allerdings förmlich aufdrängen, ehe verstanden wurde, um was es geht. Denn die Industrie hatte in Sachen Schmutzresistenz bislang immer nur an glatten Oberflächen gearbeitet und keinen wesentlichen Durchbruch mehr erreicht. Doch dies scheint sich jetzt zu ändern.

 

Demnächst kommen Farblacke und Fassadenanstriche auf den Markt, die immer schneller sauber bleiben. Abspritzen mit Wasser – und die Fassade muss bei Verschmutzungen nicht mehr überstrichen werden. Auch Hersteller von Waschbecken und Badewannen wollen ihre Produktion bald umstellen. Die zögerliche Autoindustrie hält sich noch bedeckt, da bisherige Lackmikrostruktur-Oberflächen nur bei matten Lacken funktioniert. Man fürchtet mangelndes Kaufinteresse bei den Spiegellack verwöhnten Kunden. Zudem würde die Autowaschanlagen-Industrie und Autowaschmittel-Industrie immense Millionenverluste einfahren, da dann der Bedarf erheblich reduziert werden könnte. Die Umwelt wird es danken.

Copyright: Wilfried Stevens, Düsseldorf

Dieser Beitrag ist geschützt, und darf ohne schriftliche Genehmigung weder in einer anderen Webseite veröffentlicht, archiviert oder sonst wie öffentlich verwendet werden !

Schreibe einen Kommentar